Thema des Monats (alt)

 

Kaisersruh

Viele Würselener hatten sich damit abgefunden, dass Haus Kaisersruh dem unaufhaltsamen Verfall preisgegeben war. Ältere Mitbürger können sich noch gut an die Zeit erinnern, als dieses Herrenhaus zu den prächtigsten Gebäuden in Würselen gehörte.

Das genaue Alter des Hauses ist umstritten. 1899 bezog Majoratsherr Georg Nellessen das bestehende Anwesen. In den Jahren 1904 - 1905 bekam das Haus seine vielen bekannte Gestalt. Während des 2. Weltkrieges verließ Georg Nellessen mit seiner Frau das Gebäude. Jetzt wohnte dort noch der Chauffeur des Majoratsherrn mit seiner Familie.

Nach dem Ende der Kampfhandlungen in unserem heimatlichen Raum wurde das Gebäude von verschiedenen Militärbehörden genutzt. Die Erben des inzwischen verstorbenen Georg Nellessen ließen 1971 in dem prächtigen Gebäude ein Restaurant einrichten. Für die Eröffnung war alles vorbereitet, die Einladungen hierzu waren verschickt. Doch dann geschah das Unfassbare: Das Landesstraßenbauamt untersagte die Eröffnung, da die am Haus vorbeiführende Bundesstraße 57 den Verkehr von und zur Gaststätte nicht fassen könne.

Danach bewohnte noch ein Verwalter das Gebäude. Als dieser auszog, war das Haus jeglicher Kontrolle entzogen. Die Folgen sind bekannt: Das Haus wurde in seinem Inneren demoliert. Diebe schleppten alles weg, was nicht niet- und nagelfest war. Als das Dach im Jahre 1999 einstürzte, verfiel das Gebäude mehr und mehr. Es meldeten sich zwar immer wieder Investoren, die großspurig den Aufbau des Hauses ankündigten, doch es geschah nichts. Die Zeitungsleser im Nordkreis rieben sich verwundert die Augen, als es im März 2016 in der hiesigen Presse hieß: "Vor Verfall gerettet: Gut Kaisersruh wird saniert." Der neue Eigentümer kündigte an, das Haus stil- und maßstabsgetreu wieder aufzubauen. Nach Beendigung der Bauarbeiten soll hier - so hieß es weiter - eine repräsentative Büroimmobilie mit rund 1.700 m2 Nutzfläche zur Verfügung stehen.

Die Skepsis in der Bevölkerung gegenüber diesen neuerlichen Ankündigungen wich erst, nachdem seit September 2016 die Bauarbeiten sichtbar voranschritten.Endlich tut sich also etwas in Kaisersruh, und man wünscht dem neuen Investor, dass er sein Ziel erreicht, dem Gebäude weitgehend die alte Form wiederzugeben und es innen modern auszubauen.

Im Zuge der Recherchen zum Haus Kaisersruh knüpfte Ingrid Dixon, eine Dame aus England, Kontakte zum Leiter des Kulturarchivs. In diesen Tagen ist nunmehr von Ingrid Dixon ein bemerkenswertes Buch mit dem Titel "The Bride's Trunk - A Story of War and Reconciliation - " erschienen.

In einfühlsamen Worten schildert die Autorin die Lebensgeschichte ihrer Vorfahren, beginnend mit den Großeltern, der Familie Rössler. Großvater Rössler war der Chauffeur von Georg Nellessen. Eingebettet in das politische und gesellschaftliche Geschehen beschreibt die Autorin den Lebensweg der einzelnen Familienmitglieder. Sie bezieht den Leser ein in das dramatische Geschehen der Bombenangriffe, der Evakuierung und der Rückkehr in die Heimat. Zu erfahren sind weitgehend unbekannte Fakten zum Bezug des Hauses Kaisersruh durch englische Soldaten nach Beendigung der Kampfhandlungen im hiesigen Raum. Zunächst wohnt auch die Familie Rössler gemeinsam mit den Soldaten im Herrenhaus. Es bleibt nicht aus, dass es zu Kontakten kommt.

Schließlich verliebt sich der englische Soldat Jim McCormack in Minny Rössler. Da diese seine Liebe erwiedert, möchten beide eine Bindung eingehen. Doch dies ist nicht so einfach. Es gilt, zahlreiche administrative Widerstände zu überwinden. Schließlich heiraten beide im Dezember 1946 in Liverpool. 1951 wird die Tochter Ingrid geboren. Heute noch lebt Minny McCormack geborene Rössler hochbetagt in ihrem neuen Heimatland.

Das vorgenannte Buch, das leider nur in englischer Sprache erschienen ist, kann jedem Geschichtsfreund unserer Region wärmstens empfohlen werden.